0572/2024 AN | Plan B für die Oper: Paketpostamt erneut prüfen

Wir beantragen:

Die Verwaltung berichtet zeitnah im Verwaltungsausschuss über die Alternativoption Paketpostamt als Standort für die Württembergischen Staatstheater. Hierzu ist auch die Intendanz anzuhören.

Hierzu bitten wir folgende Fragen zu beantworten:

  1. In welchem aktuellen und zukünftigen Flächenumfang wird das Paketpostamt – in Bezug auf die Anforderungen des Staatstheaters – derzeit und perspektivisch von der Deutschen Post genutzt?
  2. Welche baulichen Veränderungen wären notwendig, um den Spielbetrieb von Oper und Ballett im Paketpostamt zu ermöglichen, und in welchem zeitlichen Horizont könnten diese umgesetzt werden?
  3. Wie würden sich die zeitlichen und finanziellen Rahmenbedingungen eines Interimsbetriebs im Paketpostamt gegenüber der bislang geplanten Interimslösung an den Wagenhallen unterscheiden?
  4. Das Land hatte in der Vergangenheit einen Mietvertrag für das Areal des Paketpostamts mit der Deutschen Post abgeschlossen. Besteht dieser Mietvertrag nach wie vor, und falls ja, wie sind die Konditionen ausgestaltet (insbesondere hinsichtlich Laufzeit, Nutzungsmöglichkeiten und finanzieller Rahmenbedingungen)?
  5. Wie ist der Stand der Verhandlungen zwischen Stadt und Deutscher Post, die Paketabwicklung zukünftig auf städtische Flächen des C2-Areals im Rosensteinquartier zu verlagern?
  6. Ist der Erwerb des Grundstücks durch die Stadt bereits vollzogen worden bzw. wann soll dieser erfolgen?
  7. Wäre es möglich, den Spielbetrieb von Oper und Ballett zunächst interimistisch im heutigen Paketpostamt zu ermöglichen, um nach finaler Verlagerung der Post-Logistik auf das C2-Areal eine dauerhafte Nutzung durch die Württembergischen Staatstheater am Standort Ehmannstraße zu sichern?

Begründung:

Am 18.11.2024 wurden dem Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater von der Projektgesellschaft ProWST neueste Erkenntnisse zum Gesamtvorhaben im Zuge der Sanierung des Littmann-Baus und der damit einhergehenden Teilvorhaben (Kulissenbau und Interimsoper) präsentiert.

Aufgrund erheblicher Verzögerungen beim geplanten Bau der Interimsspielstätte an den Wagenhallen um vier Jahre entstehen Risiken hinsichtlich Zeitplanung und der Gesamtkostenschätzung. So wird mit belastbaren Kosten für den Kulissenbau erst im Sommer 2025, für den Interimsbau Ende 2026 und für die Sanierung des Littmann-Baus im Jahr 2030 gerechnet. Allein die zu erwartenden Kosten für die Interimsoper stiegen von 89 Millionen Euro auf zuletzt 259 Millionen Euro in 2022. Ob nach der Landtagswahl eine Mehrheit für die Umsetzung des Vorhabens steht, ist zwischenzeitlich mehr als fraglich — und auch der Stadthaushalt Stuttgarts ist durch Großprojekte bereits deutlich überstrapaziert.

Die Verzögerungen und die damit verbundenen finanziellen Risiken machen es unverantwortlich, an der bisherigen alternativlosen Planung festzuhalten. Seriösität und Transparenz erfordern, umgehend mögliche Alternativen in den Blick zu nehmen.

Ein in der Vergangenheit intensiv geprüfter und bereits bespielter Alternativstandort ist das Paketpostamt in der Ehmannstraße. Nachdem sich der Stuttgarter Gemeinderat im Jahre 2018 von dieser Option verabschiedete, sprach sich zwei Jahre später eine Mehrheit des Bürgerforums zur Sanierung der Oper mehrheitlich dafür aus, das Paketpostamt als Spielstätte erneut zu prüfen. Diese Neuprüfung erfolgte seitens Land und Stadt jedoch nicht. Damals galten die geschätzten Kosten von 116 Millionen Euro als Hauptargument gegen den Standort. Angesichts der mittlerweile deutlich gestiegenen Kosten und der zu erwartenden Baupreissteigerungen für die bisherigen Planungen muss diese Entscheidung umgehend überdacht werden.

Es ist bekannt, dass die Oper 2018 im Paketpostamt erfolgreich gastierte. Es ist unter logistischen Gesichtspunkten optimal angebunden, lässt eine Bespielung mit dem gesamten Repertoire zu, und kann baulich den Erfordernissen angepasst werden, da kein Denkmalschutz die bauliche Umnutzung und die Integration eines Bühnenturms erschwert.

Zudem waren sich Land und Intendanz der Staatstheater 2017, nach gründlicher Prüfung und Abwägung der Standortalternativen, darin einig, dass das ehemalige Paketpostamt „die beste Lösung” darstellt. Diese Grundlagen sollten erneut herangezogen werden, um den Standort Ehmannstraße unter den aktuellen Rahmenbedingungen neu zu bewerten.

Die Umnutzung des Paketpostamts wäre gleichzeitig ein gelingendes Beispiel für die Umnutzung von Industriearchitektur und damit ein Beitrag zu einer neuen baukulturellen Praxis, die in der Neucodierung bestehender Infrastrukturen ihren Ausdruck findet.

Die Sanierung und Umnutzung bestehender Bausubstanz verursacht deutlich weniger CO2-Emissionen als ein Neubau. Eine Umnutzung des Paketpostamts hätte damit auch eine klimapolitische Strahlkraft und würde im Lichte der IBA ’27 aufzeigen, dass Adaption und Zirkularität wesentliche Eckpfeiler der Stuttgarter Planungspraxis darstellen.

Darüber hinaus betrifft die unklare Zeitschiene nicht nur den Kulturbetrieb selbst, sondern auch die Perspektive der 1.400 Beschäftigten der Württembergischen Staatstheater, die unter schwierigsten Bedingungen das Renommee des Dreispartenhauses aufrechterhalten. Eine fundierte Bewertung des Paketpostamts als Spielstätte würde eine schnell realisierbare, investiv beherrschbare und seitens der Fachkreise bis heute erwünschte Alternativvariante ins Spiel bringen. Die Verwaltung kann hierbei auf umfangreiche Gutachten und Planungsunterlagen von Land und Stadt zurückgreifen. Dieses bestehende Wissen sollte genutzt werden, um die Entscheidungsfindung zu beschleunigen und den Aufwand neuer Untersuchungen zu reduzieren.

Stellungnahme: